Reallabor Oder Delta

In was für Landschaften wollen wir eigentlich leben? Und in was für Landschaften können wir leben? Dies ist die Kernfrage unter der sich unterschiedliche Projekte in der Region Stettiner Haff / Oder-Delta zusammen finden und in Austausch gehen.

Wir haben kein Wissensproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. In diesem Sinne entsteht in Rothenklempenow ein Reallabor! 

Der praxisorientierte Innovationsraum bietet die Möglichkeit, neue Transformations-Ideen und -Strategien zu testen. 

Im Rahmen des Reallabors sollen in Zukunft Projekte und Experimente ermöglicht werden, um die sozial-ökologische Transformation voranzutreiben. 

Der in Rothenklempenow besondere Rahmen eines praxisorientierten Innovationsraums bietet die Voraussetzungen, um von der Theorie in die Praxis zu gelangen.

Das übergeordnete Ziel des Reallabors ist die Entwicklung von Lösungen zur Erreichung der Klimaziele sowie des UN-Dekaden-Ziels der Wiederherstellung der Ökosysteme mit Fokus auf das Landwirtschafts- und Ernährungssystem.

Ziel des Reallabors ist es, systemische Hebel und Wirkmechanismen für eine sozial-ökologisch-ökonomische Transformation zu identifizieren und praxistaugliche Lösungsansätze zu entwickeln, zu erproben und zu verbreiten.

Zur Erreichung des Ziels sollen Test-Flächen, ein Food Lab, eine Vernetzungsstelle, CoWorking-Räume und eine digitale Plattform entstehen. Die Gebietskulisse des Reallabors erstreckt sich in der Region Mecklenburg-Vorpommern sowie Polen zugleich und ist vor allem dort, wo Aktivität ist. 

Projekte:

Pilotprojekt “Systemanalyse Landwirtschaft” im Reallabor Rothenklempenow (2022)

Warum braucht es das Projekt?

Eines der ersten Pilotprojekte im Rahmen des Reallabors hat das ambitionierte Ziel, zentrale Hebel einer sozial-ökologischen Transformation zu identifizieren. Bisher haben wir noch zu wenig Verständnis darüber, was konkret eine erfolgreiche Transformation des Landwirtschafts- und Ernährungssystems ausmacht und antreibt. Wir wissen nur, dass wir zwingend handeln müssen, um Klimakrise, Artensterben sowie Umweltzerstörung aufhalten zu können.

Anhand der Entwicklung eines Modells, welches das landwirtschaftliche System erfasst und dessen Wirkmechanismen vor Ort überprüft, trägt  das Pilotprojekt zur Schließung einer Wissenslücke bei. Die Ergebnisse sollen künftig auch andere Regionen und Akteure dabei unterstützen, effektive Maßnahmen zu planen, finanzieren und umzusetzen. 

Der Ansatz der Systemanalyse

Ein  Modell, bestehende aus Variablen bildet hierbei die allgemeine Wirkungsweise des landwirtschaftlichen Systems ab und soll veranschaulichen, wie verschiedene Elemente des Systems zusammenhängen und sich positiv oder negativ beeinflussen.Hierzu wird ein verallgemeinertes Modell auf die Gegebenheiten in Rothenklempenow angepasst und die relevanten Dynamiken erfassen und modellieren zu können.

So entsteht ein übersichtliches Abbild der Funktionsweise des landwirtschaftlichen Systems vor Ort. Das besondere hierbei ist der bereits fortgeschrittene Transformationsprozess in Rothenklempenow. Denn damit sind die Voraussetzungen gegeben, um Treiber und Hebel der Transformation zu identifizieren, die in Rothenklempenow gewirkt haben. Zusätzlich werden weiterhin vorhandene Hürden sichtbar, die den Entwicklungsprozess hemmen.

Die theoretische Abbildung gilt es nun in der Praxis zu überprüfen, um herauszufinden, ob die entsprechenden Systemelemente tatsächlich wie vermutet aufeinander wirken und wie sich diese im Prozess der Transformation entwickelt haben.

Dies geschieht durch eine Reihe qualitativer Interviews mit Akteuren der Höfegemeinschaft und Umfeld. Alle für das Projekt relevanten Stakeholder aus Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik werden in den Prozess einbezogen und haben die Möglichkeit, ihre Erfahrungen partizipativ einzubringen und ihr Expert:innen-Wissen zu teilen. So entsteht ein vertieftes systemisches Verständnis eines landwirtschaftlichen Systems sowie über die Treiber der Transformation am Beispiel des Ortes Rothenklempenow. Zusätzlich soll gemeinsames Lernen durch Formate wie Fokusgruppen, Dialoge wie Landschaftsspaziergänge ermöglicht werden und damit ein Beitrag zur Bildung für nachhaltige Entwicklung. 

Projektpartner & Ergebnisse

Durchgeführt wird das Projekt vom gemeinnützigen Trägerverein des RCE Stettiner Haff´s, Verein Bildung für nachhaltige Entwicklung (BINES) e.V. in Kooperation mit der GLS Bank, context collective, FoodTogether, Geofoods sowie der Agentur für nachhaltige Entwicklung – Projekt N. Nach Abschluss des Projekts im Herbst 2022 werden alle Ergebnisse öffentlich zugänglich gemacht, um einen weiteren Austausch sowie eine Weiterentwicklung der Modelle sowie Resultate zu forcieren. 

Vorgehen Reallabor Rothenklempenow: 

Nach systemischen Analysen und der Ableitung von vielversprechenden  Handlungsoptionen sollen Prototypen entwickelt und umgesetzt werden. Hierbei waren zwei Prototypen mit ClimateFarmers und Regionalwert Leistung geplant. Leider konnte dies im Projektrahmen nicht mehr umgesetzte werden. 

 

Ergebnis der Systemanalyse ist ein finales Arbeitsdokument, welches die Grundlage für weitere Arbeiten sein kann. 

Download finales Arbeitsdokument und eine Executive Summary. 

Ansprechpartner: dialog@rce-stettinerhaff.eu

Felix Grünziger                       Tobias Till Keye

Pilot Pathway Rewilding Prozess (2024)

In einem Synthese-Prozess aller Arbeitspakete von dem Projekt REWILD_DE (siehe unten) sollen innerhalb eines
Pilotprojektes, dem sogenannten Rewilding-Pathways-Piloten (im Folgenden “Pilot”),
auf lokaler Ebene, insb. in der Gemeinde Rothenklempenow im Landkreis
Vorpommern-Greifswald, die Möglichkeiten der praktischen Umsetzung von
Rewilding-Maßnahmen eruiert und deren tatsächliche Realisierung unterstützt
werden. Dabei auftretende Wissensbedarfe, die sich für diesen Prozess als erforderlich
erweisen, jedoch nicht im Rahmen der Arbeitspakete des Projekts geleistet werden
können, werden prozessorientiert durch Machbarkeitsstudie(n) ergänzt.
Für die Umsetzung des Piloten wird vom Projektteam ein Prozess entwickelt und
durchgeführt, in dem zunächst ein breites Verständnis und eine gemeinsame
Herangehensweise entwickelt und dann in Detailbetrachtungen konkrete
Umsetzungsperspektiven erarbeitet werden. Dies geschieht mit dem Ziel, „Rewilding“
in der Kulturlandschaft zu erproben, d.h. natürliche Prozesse zu unterstützen, die
vielfältige Landschaften gestalten, sowie gestörte Ökosysteme zu regenerieren und
stark geschädigte Landschaften wiederherzustellen, ohne dabei eine
landwirtschaftliche Nutzung aufzugeben.

 

Das Pathway Pilotprojekt ist ein Teilprojekt REWILD_DE Projekt

Seit November 2021 wird das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung
(BMBF) geförderte Forschungsprojekt „REWILD_DE – Erhaltung von Biodiversität und
Inwertsetzung von Ökosystemleistungen durch Rewilding – Vom Oderdelta lernen“
durchgeführt. Wissenschaftler:innen und Praktiker:innen befassen sich im Rahmen des
dreijährigen Projekts gemeinsam mit den Potenzialen von „Rewilding“ als neuartiges
Naturschutzkonzept für die Wiederherstellung der biologischen Vielfalt und die
Förderung einer Natur basierten ökonomischen Entwicklung des Modellgebiets
Oderdelta in Vorpommern. Darüber hinaus untersuchen sie, inwieweit die
gewonnenen Erfahrungen und Ergebnisse auf den überregionalen Biodiversitätsschutz
übertragbar sind. Koordiniert wird das Projekt am Helmholtz-Zentrum für
Umweltforschung (UFZ), Projektpartner sind das Deutsche Zentrum für integrative
Biodiversitätsforschung (iDiv) und die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
(MLU), die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) sowie der
Verein Rewilding Oder Delta e. V. (ROD) als Praxispartner im Untersuchungsgebiet.

Am 26/27.06.2024 wurde das Ergebnis des Projektes im Rahmen der REWILD_DE Konferenz vorgestellt. 

Mit über 100 Teilnehmer*innen zielte die Konferenz vor allem darauf ab, die Anwendung des Rewilding-Ansatzes in Kulturlandschaften zu diskutieren und ökologische, ökonomische und soziale Chancen sowie Hindernisse von Rewilding in Deutschland zu beleuchten. Dazu berichteten Vertreter*innen der Global Rewilding Alliance, von Rewilding Europe und dem deutschen Rewilding-Modellgebiet „Oder-Delta“ aus der Rewilding-Praxis. Andererseits wurden Räume für Austausch in Form von Kleingruppenworkshops entlang der folgenden drei Themen und Fragestellungen angeboten:

  • Rewilding zwischen Politiken und lokaler Realität: Wie konnten Rewilding-Ansätze in Politikinstrumenten berücksichtigt werden?
  • Menschen machten Rewilding-Landschaften: Welche Rolle konnten partizipative und künstlerische Formate spielen, um ein Bewusstsein für die Natürlichkeit von Landschaften herzustellen?
  • Die Ökonomie von Rewilding: Welche neuen Formen des Wirtschaftens ergaben sich in Rewilding-Landschaften?

Die Konferenz „REWILDING – Eine Perspektive für mehr Natur und regionale Entwicklung“ fand im Rahmen des Forschungsprojekts „REWILD_DE – Erhaltung von Biodiversität und Inwertsetzung von Ökosystemleistungen durch Rewilding – vom Oderdelta lernen“ statt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wurde.

Die Konferenz hat Akteure der Naturschutzpraxis vernetzt und richtete sich an Vertreterinnen von Kommunen, der Naturschutzverwaltung, von Verbänden und Initiativen, aber auch an interessierte Wissenschaftlerinnen.

Viel gemeinsame Arbeit am Standort in Rothenklempenow wurde veröffentlicht:

In den letzten zwei Jahren haben wir gemeinsam mit den Akteuren in Rothenklempenow Landschaftsszenarien für 2035 entwickelt. Diese wurden in einer Broschüre zusammengefasst und auf der Konferenz vorgestellt und veröffentlicht. Die Resonanz war äußerst positiv, insbesondere der ganzheitliche Ansatz, ganze Landschaften zu betrachten und umfassende Gesamtkonzepte zu entwickeln, fand großen Anklang.

Das RCE Stettiner Haff hat als Regionalpartner des Teilprojektes Pathway Rewilding für die Einbindung der Region gesorgt. Vom RCE Stettiner Haff waren Jochen Elberskirch (Naturparkleiter), Heike Kühner (Höfegemeinschaft Pommern) und Uwe Greff (BioBoden Genossenschaft) dabei, so auch Vorstand und Mitwirkender Tobias Till Keye (Projekt N – Agentur für nachhaltige Entwicklung).

Hier gibt es die Broschüre zum Download.

Ansprechpartner: 
Tobias Till Keye (Projekt N – Agentur für nachhaltige Entwicklung)
Augustin Berghöfer (UFZ – Helmholtzzentrum für Umweltforschung Leipzig)

Pilotprojekt Wildbienen Habitate und Brachen – Testfläche Rothenklempenow

Schon lange bevor der Mensch Honigbienen als Nutztiere hielt, lebten sie wild im Wald. Sie sammelten Honig in geschützten Höhlen, hoch oben in den Bäumen, von dem sie in der kalten Winterzeit lebten, wenn es keinen Nektar und Pollen gab. Menschen begannen, in die Bäume zu klettern, um sich den Honig von den Bienen zu holen.

Später entwickelte sich das Handwerk der Zeidlerei: Die Zeidler höhlten Baumstämme aus, damit Bienen darin wohnen konnten. Diese Klotzbeuten stellten sie in der Nähe der Dörfer auf. Wenn Bienen einzogen, konnten sie im Spätsommer Honig ernten, ohne hoch in die Bäume klettern zu müssen.

Unser Partner Bernd Schock, ein Experte für Wildbienen, Streuobstwiesen und Zeidlerei, hat gemeinsam mit dem Safthersteller Innocent und der Höfegemeinschaft Pommern im Jahr 2023 eine Testfläche gestartet. Eine unproduktive Fläche von etwa 6 Hektar nahe des Waldes wurde mit finanzieller Unterstützung von Innocent mit einer alten Saatgutsorte an Kräutern und Blühmischungen kultiviert. Zudem wurde eine Klotzbeute im nahegelegenen Weltwald aufgestellt, um den Wildbienen ein natürliches Habitat zu bieten.

Bernd Schock arbeitet mit seiner Firma Hodlwood seit 2022 mit dem RCE Stettiner Haff zusammen und hat bereits diverse Workshops in Rothenklempenow und Umgebung sowie bei unseren portugiesischen Partnern gegeben, um das jahrtausendealte Wissen der Zeidlerei weiterzugeben. In diesem Zuge wurde auch eine Klotzbeute auf dem Weltacker installiert. Aktuell sind weitere Maßnahmen mit dem Partner Rewilding Oder Delta geplant, um Wildbienen-Korridore auf polnischer und deutscher Seite zu ermöglichen.

Bernd Schock bietet Workshops und sein Wissen als Bildungsreferent auf Anfrage an und damit 1.000 Jahre altes Wissen über natürliche Habitate für Honigbienen. Kontakt: Hodlwood

Nutzen für die Ökosysteme und Dringlichkeit der Maßnahmen

Die Wiederansiedlung von Wildbienen in natürlichen Baumhöhlen hat immense Vorteile für die Ökosysteme. Wildbienen sind wichtige Bestäuber und tragen zur Erhaltung der Pflanzenvielfalt bei, was wiederum die Lebensgrundlage für zahlreiche andere Tierarten sichert. Durch die Förderung der Biodiversität wird die Resilienz der Ökosysteme gestärkt, was sie widerstandsfähiger gegen die Auswirkungen des Klimawandels macht.

Die Dringlichkeit dieser Maßnahmen kann nicht genug betont werden. Der Verlust natürlicher Lebensräume und die Abnahme der Biodiversität haben bereits jetzt gravierende Folgen für die Umwelt und die menschliche Gesellschaft. Es ist entscheidend, sofortige und nachhaltige Maßnahmen zu ergreifen, um die natürlichen Lebensräume wiederherzustellen und die Biodiversität zu fördern. Nur so können wir die ökologischen Gleichgewichte bewahren und die vielfältigen Ökosystemleistungen, von denen wir alle abhängen, langfristig sichern.